Kanada 2002

PRAKTIKUM

Ein wichtiger Bestandteil meiner Ausbildung zur Betriebswirtin für Fremdsprachen und Tourismus war ein sechsmonatiges Auslandspraktikum, auf das ich mich seit Beginn der Ausbildung gefreut hatte. Mein Plan sah dabei ein tropisches/subtropisches Land mit weißen, palmengesäumten Stränden und jeder Menge Sonnenschein vor, und mein Praktikum sollte natürlich mehr Urlaub als Arbeit werden. In der Realität hatte ich allerdings plötzlich mit unerwarteten Problemen zu tun. Schöne Inseln und Strandabschnitte gibt es viele – aber die Arbeitserlaubnis war nicht immer inbegriffen. Angetan hatten es mir schließlich die Holländischen Antillen, da man hier – weil zu den Niederlanden gehörend = Europa – keine großen Schwierigkeiten zu erwarten hatte. Leider war es dann aber kompliziert, einen Praktikumsplatz zu finden, dessen Arbeit mir auch noch Spaß machen würde (dass ich nicht im Hotel arbeiten wollte hatte ich schon während meines 4wöchigen Praktikums im Maritim Airport Hotel Hannover festgestellt – nix für mich). Letztlich kommt ja aber sowieso immer alles anders, als man eigentlich denkt, und plötzlich fand ich mich auf dem Weg zu einer Working Guest Ranch in Kanada wieder.

Mein geplanter 6monatiger Aufenthalt auf der Guest Ranch in South Cariboo, ca. 500 km nördlich von Vancouver (British Columbia) versprach ein großes Abenteuer zu werden und lockte mich mit

  • der Aussicht auf ein internationales Umfeld (Gäste aus Kanada, den USA, Japan und Deutschland)
  • einer herrlichen landschaftlichen Umgebung (der wahre wilde Westen Kanadas) mit allem, was dazu gehört – weite Weiden, Kühe treiben, Wälder, Berge, Bären & Wölfe…
  • einer herzlichen, familiären Atmosphäre
  • 40 Pferden sowie dem Angebot, täglich ca. 8-9 Stunden zu arbeiten (ab 17 Uhr die Möglichkeit für die Mitarbeiter, selber das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde zu suchen)
  • einem freien Tag pro Woche
  • der Vereinbarung, vormittags im Büro zu arbeiten (Betreuung der Website, der Kunden, Buchungsbestätigigungen, Abrechnung der Buchungen etc.) und nachmittags mit den Gästen und – natürlich – den Pferden arbeiten zu können.

 

VANCOUVER

Mit zwei schweren Koffern im Gepäck habe ich zunächst drei Tage in Vancouver in einem Youth Hostel verbracht. Eigentlich wollte ich die Zeit mit Sightseeing verbringen, aber 1. hatte ich einen furchtbaren Jet-Lag (nachts konnte ich nicht schlafen, tagsüber bekam ich die Augen nicht auf) und 2. war ich gaaaaanz allein unterwegs in der großen weiten Welt… und da ich noch nicht wirklich drin war im Englisch hatte ich auch etwas Respekt, fremde Leute im Hostel anzusprechen. Dabei waren die alle so nett!

DIE RANCH

Nach drei Tagen ging es aber ohnehin weiter. Auf zur Greyhound-Station, dort in einen Bus gestiegen und gefühlte 1.000 Stunden (500 km) durch die Wildnis gekurvt. Kaum hatten wir nämlich Vancouver verlassen, gab es rundherum irgendwie nur noch Pampa und dunkle Tannenwälder. Die Rocky Mountains waren dabei ständige Begleiter am Horizont, die mal näher dran und mal wieder weiter entfernt waren. Es ging dann hinauf auf das Hochplateau, auf dem South Cariboo liegt, bis nach 100 Mile House, wo ich von Steffi mit einem Pick-Up abgeholt wurde. Die erste Fahrt begann gleich mit einem Ausflug zum Schlachter, wo wir Bärenfleisch abholten, das z.T. zu Mettwurst und Bratenfleisch und z.T. zu Hundefutter verarbeitet war. Dieser Bär war auf dem Gelände der Ranch geschossen worden! Mein erster Gedanke war „Wo bist da du nur hineingeraten?“ Bären??? Auf der Ranch??? Das war nicht nach meinem Geschmack.

Die nächste Überraschung folgte auf dem Fuße: Elke und Chris waren Deutsche! Ich hatte in der Annahme, dass in Kanada wohl alles Kanadier sind, immer auf Englisch mit ihnen kommuniziert. Einerseits war ich erleichtert, machte das doch die Kommunikation deutlich einfacher. Andererseits war ich aber auch ein wenig enttäuscht, denn ein Aspekt meines Auslandsaufenthaltes war auch die Verbesserung meiner Sprachkenntnisse. Immerhin blieb mir der Trost, dass ein Teil der Gäste Amerikaner und Kanadier waren. Ich wurde von allen Seiten herzlich begrüßt und mit großer Begeisterung im Kreis der Helfer aufgenommen – später wurde mir dann klar, warum…

Die Ranch selber bestand aus

  • einem Haupthaus, in dem die 13 Gästezimmer, die Küche, der Speiseraum und ein Aufenthaltsraum mit Kamin und Fernseher untergebracht waren
  • einem zweistöckigem Nebengebäude, das aus einer großen Kühlkammer für die Vorräte und zum anderen aus dem Salon mit Bar und Kamin bestand
  • sowie dem Wohnhaus, in dem Elke und Chris ihr Zuhause hatten und in dessen Keller die Helfer untergebracht waren („liebevoll“ Helferhöhle genannt)
  • und einigen Ställen und Scheunen für die Pferde selbst, das Sattel- und Putzzeug und natürlich das viele Heu.

 

Neben den Pferden gab es noch vier Hunde, davon ein Bordercollie-Mix namens Asta, der es mir besonders angetan hatte, die zwei Mischlinge Benjamin und Pancake, und deren Vater (ich werde alt, ich weiß nicht mehr, wie er heißt).

Nach der Ankunft habe ich versucht, mich aus meinen großen Koffern halbwegs häuslich einzurichten. Es war ganz einfach: Deckel auf. Schränke oder Regale gab es nicht, nur ein Hochbett. Der Anblick des Badezimmers verursachte bei mir eine dicke Gänsehaut – aber zum Saubermachen kam ich erst nach drei Tagen, so sehr war ich beschäftigt.

Ein Helfer-Arbeitstag sah in etwa so aus:

  • Aufstehen um sechs Uhr.
  • Ein Teil der Helfer wurde in die Küche abkommandiert, Tisch decken und Frühstück vorbereiten für bis zu 26 Gäste und etwa 10-12 Arbeitskräfte.
  • Dder andere Teil ging zu den Ställen, Heu ausstreuen für die Pferde.
  • Ein bis zwei Helfer sattelten sich die eigens dafür im Stall behaltenen Pferde und ritten auf die schier undendliche Weide, um den Rest der Herde zum Hof zu treiben.
  • Alle 40 Pferde wurden auf Verletzungen untersucht und diese, falls vorhanden, behandelt. Mit dabei auch Snowy (oder Whity?), ein weißes Pferdchen mit extrem dünnem Fell am Kopf, das täglich mit Sunblocker eingecremt wurde, um Sonnenbrand zu vermeiden.
  • Etwa um acht gab es Frühstück für alle gemeinsam.
  • Danach wieder Arbeitsteilung: Ein Teil räumte die Küche auf, kümmerte sich um den Abwasch und die Vorbereitung der Lunchpakete. Der andere Teil ging mit den Gästen zu den Pferden und half beim Putzen, Satteln, Zäumen.
  • Ritten die Gäste dann gegen halb zehn mit dem Chef oder einem höhergestellten Helfer vom Hof, ging es im Haus munter weiter: Room Service. Alle Gästezimmer wurden gereinigt, frische Handtücher bereitgelegt und so weiter und so weiter.
  • Anschließend wurde die Arbeit nach draußen verlegt. „Äppeldienst“, Zaunkontrolle, Reinigung des verbliebenen Zaumzeugs, Renovierung des Salons, Fahrt mit dem Traktor zu Löchern im Weidezaun, Holzfällerarbeiten, um den Zaun zu reparieren … die Vielfalt der Beschäftigungsmöglichkeiten kannte keine Grenzen.
  • Lunch (jeden einzelnen Tag gleich: Weißbrot mit langweiligem Käse oder Schinken) gab es entweder gemeinsam in der Küche oder eben draußen im Wald.
  • Kehrten die Gäste am Nachmittag zurück, hieß es für die Helfer wieder „Pferde und Sattelzeug putzen“.
  • Dann wurde die Arbeit wieder aufgeteilt in „Küche = Abendessen vorbereiten & Tisch decken“ und „Pferde füttern, versorgen und auf die Weide bringen“, wobei das „auf die Weide bringen“ eigentlich der einfachste und vor allem der schönste Teil dieser Arbeit war: Sobald alle Tiere versorgt waren, wurde das Gatter geöffnet und die Herde schoss einfach hinaus.
  • Nach dem Essen war der Tag aber noch lange nicht zu Ende. Natürlich wurde erst wieder alles aufgeräumt und abgespült, und endlich kam der gemütliche Teil des Abends: Geselliges Beisammensein im Salon oder am Lagerfeuer, gern auch begleitet von romantischen Cowboysongs und einer Gitarre (weil die Gäste das ja erwarten), und wenn man Glück hatte, von einer Flasche CAB. Dieser gemütliche Aspekt konnte sich durchaus bis ein oder zwei Uhr nachts hinziehen. Das eigentlich dumme daran war, dass die Gäste nicht zwangsläufig um acht zum Frühstück erscheinen mussten, man selber aber um sechs wieder auf den Beinen zu sein hatte, um alles erledigen zu können…

 

Schon nach dem ersten Tag begann ich zu ahnen, wieso die anderen Helfer so glücklich über meine Ankunft waren…

Neben diesen alltäglichen Aufgaben gab es dann noch andere, abwechslungsreichere. Zum Beispiel fuhren etwa alle zwei Wochen zwei Personen zum 100 km entfernten Großmarkt, um einzukaufen. Da war der Pick-Up dann aber auch wirklich nötig, um alles mitzubekommen! Über die Lebensmittelpreise habe ich mich ziemlich erschrocken und für mich persönlich nur wenige Leckereien eingekauft (u.a. Sour Creme für’s Barbeque, weil es das auf der Ranch sonst nicht gab. Das führte allerdings wieder zu Stress mit anderen Helfern und sogar Gästen, die darauf bestanden, dass ich meinen selbstgekauften 250g-Pott gefälligst teile! Hallo???).

Die beliebteste „Tätigkeit“ war – natürlich – das Ausreiten (wahlweise Ausfahren mit der Kutsche) mit Gästen, die sich nicht auskannten. Das blieb allerdings bis auf extrem seltene Ausnahmen in 2 Monaten den „Haupthelfern“ vorbehalten. Von dem einen freien Tag pro Woche und der Möglichkeit, ab 17 Uhr selbst zu reiten, habe ich während meines Praktikums nichts bemerkt. Die Büroarbeit, die ich eigentlich halbtags erledigen sollte, war darauf beschränkt, die Durchschläge der Kreditkartenabrechnungen in einen Schuhkarton (!) zu werfen. Eine Angelegenheit von weniger als zehn Minuten. Ansonsten hieß es eigentlich rund um die Uhr ackern was das Zeug hält. Wenigstens habe ich dabei etwas abgenommen…

Zwei Gästegruppen haben mir besonders viel Spaß gemacht: 1. Eine kleine Gruppe mit ca. 5-6 geistig Behinderten, und eine etwa 20köpfige Gruppe von Schülern im Alter von 10-12 Jahren, die allesamt aus finanziell schwierigen Verhältnissen stammten und den einwöchigen Aufenthalt vom Rotary-Club bezahlt bekamen. Als Begleitung waren zwei Mütter dabei sowie zwei Rotary-Mitglieder. Die Dankbarkeit dieser beiden Gruppen für jede noch so kleine Aufmerksamkeit oder erzählte Geschichte war unbeschreiblich! Bei der Abreise standen allen Mitarbeitern und Abreisenden die Tränen in den Augen.

DER ANFANG VOM ENDE

Der Arbeitsstress allein hat mir eigentlich nicht so viel ausgemacht. Was schwieriger war und allen die Stimmung verdorben hat, war das Verhältnis zwischen Chef, Chefin und Juniorchefin, da man das Gefühl hatte, die Juniorchefin wolle sich zwischen Chef und Chefin drängen. Es gab ständig Streitereien, und die schlechte Laune wurde dann nach unten an uns (allesamt freiwillige) Helfer abgegeben. Alle Helfer waren auf eigene Kosten aus Deutschland bis nach 100 Mile House angereist und hatten viel Geld ausgegeben, um den Traum vom Leben auf einer Ranch wahrmachen zu können. Unter diesen Bedingungen hat es allerdings nur kurze Zeit Spaß gemacht. Christine, mit der ich mich sehr gut verstanden habe und die besonders unter Anfeindungen von Steffi gelitten hat, und ich haben nach knapp 2 Monaten beschlossen, uns zu verabschieden und unser Glück woanders zu suchen. Der Abschied war alles andere als freundlich, denn obwohl wir schon 10 Tage vor unserer Abreise Bescheid sagten, dass wir gehen würden, damit genügend Zeit zum Einstellen von Helfern bleiben würde, wurde uns vorgeworfen, dass wir nur die kostenloste Unterbringung nutzen wollten, weil wir keinen früheren Flug bekommen hätten. Auf unser freundliches Angebot, uns sofort zum Greyhound zu bringen, wollten sie aber auch nicht eingehen.  

Abschiedsbierchen mit dem Pferd

RUNDFAHRT DURCH DIE ROCKIES

Nachdem wir die letzten Tage mit zusammengebissenen Zähnen hinter uns gebracht hatten, ging es mit dem Greyhound bis Kamloops, wo wir auf einen Mietwagen umstiegen und unsere große Abenteuerrundfahrt begann. Unser Ziel waren natürlich die Rocky Mountains und die großen Nationalparks Jasper und/oder Banff, je nach Zeiteinteilung. Über die einzige fahrbare Straße fuhren wir Richtung Osten über Salmon Arm nach Revelstoke und genossen die gemächliche Fahrt durch die Berge. Wir waren so begeistert, dass wir am Anfang zunächst hinter jeder Kurve anhielten, um die Berge zu fotografieren, die immer höher und imposanter vor uns aufragten. Sehr zum Lachen brachten uns die ständigen „Elch quert Straße“-Schilder, und tatsächlich sahen wir auch das eine oder andere gewaltige Tier am Straßenrand stehen. Unseren ersten Zwischenstopp für zwei Nächte legten wir in einem Best Western Hotel ein, um von dort einen ersten Eindruck der herrlichen Bergwelt zu bekommen. Den Abend genossen wir im Hot Tub mit Blick auf die Berge, einem Whirlpool, den selbst das kleinste Motel vorweisen kann.

BALU-TRAIL (oder wie wir später übersetzten: Bärenpfad)

Vom Hotelparkplatz aus führte ein Wanderweg hoch in die Berge, laut Beschreibung auch für ungeübte Wanderer geeignet und mit etwa 4 Stunden angesetzt. Diesen „kleinen“ Trail hatten wir uns für den Anfang ausgesucht. Ein Hotelangestellter hatte uns beruhigt und mitgeteilt, dass in diesem Jahr dort noch keine Bären gesichtet worden seien, wir also unbesorgt wandern gehen könnten. Frisch ausgeruht und mit Getränken und etwas zu Essen im Gepäck starteten wir am nächsten Morgen besagten Trail. Er führte uns durch herrliche Nadelwälder, aber auch durch dichtes Gebüsch, das bis an den Pfad heranwuchs und uns Gänsehaut bescherte bei dem Gedanken, es könnte vielleicht ein Bär darin auf uns lauern. Am Abend hatten wir auf dem Hotelkanal einen Film darüber gesehen, wie man sich richtig verhält, wenn man einem Bären begegnet, nämlich: So groß wie möglich machen, evt. auch Stöcker nutzen, um die Arme länger erscheinen zu lassen. Lärm machen. Bären sind scheue Tiere, die eher fliehen als angreifen. Weglaufen veranlasst sie nur, hinterher zu laufen, und beim Klettern sind sie uns weit überlegen. Eine Ausnahme gibt es jedoch, und die lautet „Nicht stehen bleiben bei verrückten Bären“. Verrückte Bären sind solche, die z.B. durch Essensreste oder anderen Müll an den Menschen gewöhnt sind und nicht durch Lärm in die Flucht zu schlagen sind. Hier gilt, möglichst schnell das Weite suchen und aus den Augen des Bären verschwinden. Falls er einen doch erwischt, tot stellen und ihm am besten den Rucksack „anbieten“. Die große Frage war nun, wie erkennt man, ob man einen normalen oder einen verrückten Bären vor sich hat? Am besten gar nicht, deshalb machten wir so viel Krach wie nur möglich und sangen und pfiffen alles Getier im näheren Umkreis in die Flucht. Leider waren wir so erfolgreich, dass sich entgegenkommende Wanderer darüber beschwerten. Wir wanderten und wanderten, und es wurde wärmer und die Luft gleichzeitig dünner. Mit Entsetzen mussten wir irgendwann feststellen, dass wir es ganz sicher nicht in vier Stunden bis zum Pass und wieder zurück schaffen würden. Aber unser Ziel immer fest vor Augen schafften wir es schließlich nach etwa vier Stunden bis zum Pass. Dort oben lag noch Schnee, und mit kurzer Hose und langer Jacke malten wir Schneeengel und warfen uns Schneebälle zu. Es war ein wunderschöner Ausblick auf das Tal unter uns und auf die schneebedeckten Berge auf der anderen Seite des Passes, die Stille war beinahe greifbar. Über uns der blaue Himmel, der sich allerdings langsam zuzog. Auf dem Grat des Passes entdeckten wir ein Schild, dass uns vor dem Weitergehen aufgrund von unbefestigten Wegen und Lawinen warnte. Mit einem unguten Gefühl machten wir uns auf den Rückweg und waren froh, nach einer fast achtstündigen Tour (!) am Abend heil und ungefressen wieder am Hotel anzukommen und unsere müden Beine in den Whirpool zu schwingen. Auf Nachfrage im Hotel, wie uns die Tour gefallen habe, erklärten wir einstimmig, dass es eine tolle Erfahrung gewesen sei, aber dass uns dort oben an dem Schild doch ein wenig mulmig geworden sei. Daraufhin meinte der Hotelangestellte (leider nicht der vom Vorabend), dass es gut war, dass wir nicht weitergegangen sind, denn auf der Rückseite des Passes beginne Bärengebiet. Zusätzlich zu unserem Schreck stellte sich heraus, dass der Kollege vom Vorabend nicht gemeint hatte, „dieses Jahr noch keine Bären“, sondern „diese Saison noch keine Bären“ – und diese Saison war gerade einmal zwei Wochen alt!

GOLDEN

Wir hatten uns etwas mehr als eine Woche Zeit genommen, um die Nationalparks in den Rocky Mountains zu erreichen und zu besichtigen. Entfernung: Kamloops – Banff = 491 Meilen/790 Kilometer. In Deutschland locker in 7-8 Stunden zu schaffen. Auf unserem Trip wurde uns aber schnell klar, dass wir es zeitlich nicht ganz oder nur in Hektik schaffen würden, denn zum einen galt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h, zum anderen hielten wir an jedem interessanten Punkt an, um zu Fotografieren und uns immer wieder auf’s Neue von der wunderschönen Natur beeindrucken zu lassen. Unseren Umkehrpunkt erreichten wir nach drei Tagen in der Kleinstadt Golden, gerade einmal 360 km von Kamloops entfernt und somit weit vor unserem eigentlich Ziel. Zum einen gab es auch dort einen Nationalpark (Glacier), den wir unter die Lupe nahmen, zum anderen hatten wir ein gemütliches Motel mit herrlichem Hot Tub entdeckt, und drittens (ausschlaggebend) hatte Christine einen netten jungen Mann kennengelernt und wollte nicht wirklich weiterfahren. Auch ich hatte nichts gegen einen gemütlichen Aufenthalt anstelle einer stressigen Weiterfahrt, nur um sagen zu können „Ich war im Banff Nationalpark“.

Golden ist eine vergleichsweise kleine, aber trotzdem faszinierende geschäftige Stadt. Auf unserer ersten Entdeckungstour führte unser Weg zu einem Juwelier, da die Batterie meiner Armbanduhr den Geist aufgegeben hatte. Der Juwelier hörte uns zwei Sätze auf Englisch reden und fragte prompt auf Deutsch, woher genau wir kämen. Er selbst war vor mehr als 18 Jahren von Hamburg nach Kanada ausgewandert und freute sich sehr, uns ein bisschen was erzählen zu können. Mit einigen Tipps für Ausflüge in die Umgebung verließen wir sein Geschäft schließlich einige Zeit später. In den nächsten Tagen erkundeten wir weiterhin Golden und Umgebung und ließen alles recht entspannt angehen. Im Programm inbegriffen ein Ausflug mit Seilbahn auf den Gipfel von einem ziemlich hohen Berg, sozusagen auf das Dach der Rocky Mountains. Die Aussicht war einfach unbeschreiblich, und jetzt kann ich die Leute verstehen, die einen solchen Ausblick als majestätisch beschreiben. Ich fühlte mich wie abgeschnitten vom Rest der Welt, ungebunden, frei und wortwörtlich über allem stehend.

Nach drei Tagen in Golden machten wir uns auf den Rückweg nach Kamloops. Diesmal ging es etwas zügiger voran, da wir nicht mehr bei jedem Berg hinter jeder Kurve anhielten, um Fotos zu machen. Einen Zwischenstopp legten wir noch an einem wunderschönen Badesee ein – der mir allerdings deutlich zu frostig war. Christine war mutiger und stürzte sich in die eisigen Fluten, ich beließ es beim Füße abkühlen.

VANCOUVER

Auf der Ranch hatten wir uns mit Gene Vickers, einem Rotary-Mitglied und Begleiter der Kindergruppe, angefreundet. Er hatte unsere Probleme mitbekommen und uns spontan angeboten, bei ihm und seiner Familie zu wohnen, wenn wir nach Vancouver kommen. Von diesem Angebot machten wir dann auch gerne Gebrauch. Mit dem Greyhound aus Kamloops kamen wir schließlich in in einem Vor-Vorort von Vancouver an und quartierten uns für einige Tage bei Gene ein. Das war aber eher Notlösung als Erholung. Wir schliefen im offenen Wohnzimmer auf zwei Sofas, Christine auf einem Dreisitzer, ich auf einem Zweisitzer, beide mit überhängenden Beinen, da es leider keine Ausziehsofas waren. Von hier aus fuhren Christine und ich in den nächsten Tagen regelmäßig nach Vancouver. An einem Tag machten wir einen langen Spaziergang durch den Stanley Park, am nächsten Tag versuchten wir, einen neuen Praktikumsplatz für mich zu ergattern. Aufgrund der Sommerferien waren leider sämtliche Jobs an Studenten vergeben, und auch Kontakte von Gene halfen leider nicht weiter. Trotzdem genossen wir die Zeit in Vancouver und machten noch hemmungslosen Gebrauch von den riesigen Shoppingmalls und den günstigen Preisen für Bekleidung. Unzählige Dollar wanderten über den Ladentisch, und fast vollständig neu eingekleidet flogen wir beide nach 4 bzw. 5 Tagen zurück nach Deutschland (Christine ist einen Tag früher geflogen).

Übrigens habe ich meine um knapp 3,5 Monate vorgezogene Abreise aus Kanada erfolgreich vor meinem Freund geheim gehalten und bin so ohne sein Wissen zurück nach Deutschland geflogen. Ich hatte ihm gesagt, ich würde weiter nach Whistler fahren und versuchen, dort einen Praktikumsplatz zu ergattern. Vom Flughafen Frankfurt bis nach Mainz hatte ich durch Zufall noch eine Mitfahrgelegenheit erwischt, und von Mainz bis Göttingen ging es mit einem schnellen Auto aus Bayern. In Göttingen angekommen rief ich bei meinem Freund an, um herauszufinden, wo er war: Am Bahnhof bzw. auf dem Weg zur Bushaltestelle, um nach Hause zu fahren. Er hat auf seinem Handy übrigens nicht bemerkt, dass ich aus einer Telefonzelle aus Göttingen angerufen habe! Kurzerhand bin ich dann zu besagter Haltestelle gefahren und habe direkt vor seinen Augen gewendet, überzeugt davon, dass er mich schon längst erkannt hatte. Auf mein Gewinke erntete ich nur skeptische Blicke, bis ich aus dem Auto ausstieg und er mich erkannte. Die Überraschung war vollends geglückt!

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