2. Mai 2009 - Eigentlich war der Samstag ein schoener Tag, besonders fuer Robert und mich. Freitag war unser letzter offizieller Arbeitstag gewesen, und auch die Zicke stand frisch gestrichen und auf Hochglanz poliert auf dem sonnigen Rasen hinter unserem Guest House, als waere sie genauso wie wir froh ueber unseren baldigen Aufbruch.
Annie und Tom, unsere deutsche Verstaerkung, sowie Ash und Pete, zwei Baumstutzer aus Suedaustralien, hatten es sich bei unserem Gastgeber David, seiner Frau Thia und unserem Supervisor Jeff auf der Veranda gemuetlich gemacht und das Wochenende mit diversen Dosen Bier eingelaeutet. Robert und ich haben die Ruhe im Haus genutzt, um schon einmal allen noetigen und unnoetigen Ballast aus unserem Gaestezimmer zurueck in die Zicke zu bringen und alles in Ruhe zu verstauen.
Gegen Abend kamen Tom und Annie wieder zu uns rueber; das Getrinke nebenan wurde ihnen allmaehlich etwas zu viel, und der Ton mit zunehmendem Alkoholpegel auch deutlich rauer. Wir sassen gemuetlich im Ess-/Wohnzimmer und haben Plaene fuer unseren gemeinsamen Angelausflug am Sonntagmorgen geschmiedet, als mit lautem Getoese die Tuer aufflog und Ash und Pete hineingetorkelt kamen. Man muss dazu sagen, dass die beiden eigentlich keinen Tag in der Woche nuechtern waren und selbst nach 2 Kaesten Bier zu zweit (!) noch verhaeltnismaessig ansprechbar sind, aber an diesem Abend haben sie alles getoppt, was wir bisher miterlebt hatten. Ash hatte wohl allein in wenigen Zuegen eine ganze Flasche Whiskey geleert und war daraufhin immer ausfallender geworden, bis David ihn nach Hause geschickt hatte, weil Ash seine Frau und Kinder beleidigt und bedroht hatte. Pete war noch einigermassen klar und hat versucht, als eine Art Friedensengel mitzuwirken. Auch Jeff, unser Lieblingssupervisor, war in der Zwischenzeit wieder bei uns eingekehrt und wir sassen zusammen am Esstisch, als der Alkohol bei Ash wohl endgueltig zugeschlagen hat.
Zunaechst fing er an, laut und unzusammenhaengend herumzubruellen. Wir wussten nicht so recht, wie wir das einordnen sollten und haben versucht, ihn weitestgehend zu ignorieren. Das war nicht ganz so einfach, denn Ash torkelte sturzbetrunken um uns alle herum, hielt auf einmal seine Kettensaege in der Hand und fuchtelte damit herum, setzte dann wieder mit uns an den Tisch und hat den Inhalt einer ganzen Dose Schmerztabletten heruntergeschluckt, nur um sie im naechsten Moment wieder auf den Boden zu erbrechen… um dann schliesslich in hysterisches Gelaechter auszubrechen. Pete war dabei die ganze Zeit um ihn herum und hat versucht, ihn ins Schlafzimmer zu leiten, was leider nicht geklappt hat.
Als Ash wieder einmal am Tisch bei uns war, fiel sein Blick auf Tom und Annie, und anscheinend waren sie jetzt auserkoren, Ziel seiner Agressionen zu sein. Ash fing an, auf Tom zu schimpfen, weil er ihm die Arbeit und somit das Geld weggenommen haette. Pete hat daraufhin Annie und Tom den Wink gegeben, sich diskret aus dem Blickfeld und in ihr Zimmer zu bewegen. Das naechste Opfer war unser Supervisor, Jeff. Er selbst war etwas angetuedelt und vor dem Fernseher halbwegs eingeschlafen, als Ash sich auf ihn gestuerzt hat. Wir wussten nicht so recht, ob wir das jetzt ernst nehmen sollten oder nicht. Pete meinte, wir sollten uns nicht einmischen, da Jeff die ganze Zeit Zigaretten und Alkohol stehlen wuerde. Was uns etwas stutzig gemacht hat war schliesslich die Bemerkung von Pete, dass Ash, wenn er Zuhause in Mildura waere, seine Pistole ziehen und Jeff erschiessen wuerde. Das war der Moment, wo wir beschlossen haben, uns aus dem Staub zu machen und uns in unserem Zimmer zu verbarrikadieren. Kaum waren wir weg, hoerten wir aus dem Esszimmer den Laerm von zerbrechendem Glas und Geschrei von Ash, dazu die Beruhigungsversuche von Pete und die Geraeusche von umfallenden Moebeln. Der Laerm bewegte sich mal Richtung Tom und Annie, dann wieder in die Mitte des Hauses, und dann zu uns. Zu dem Geschrei gesellte sich dann ein Geraeusch, was uns Gaensehaut beschert hat: Ash hantierte wieder mit seiner Kettensaege und hat im Bereich vor unserem Zimmer versucht, die Saege anzuwerfen. Dazu hoerten wir immer wieder “ich schneide alle in Stuecke” und “ich bringe alle um”. Sehr ermutigend… Wir wollten nur eins: raus, bevor er reinkommt. Dummerweise liessen sich die Fenster in unserem Zimmer nicht oeffnen, so dass wir also durch die Tuer wieder raus mussten. Wir haben gewartet, bis die Geraeusche sich wieder in die andere Richtung bewegten und sind dann aus der Hintertuer aus dem Haus gesprintet.
Im Dunkeln sind wir um das Haus herumgeschlichen und haben auf dem Rasen vor Daves Haus schliesslich noch Tom getroffen, der Annie auch schon in Sicherheit zu Dave und seiner Frau gebracht hatte. Zu unserer grossen Erleichterung war auch Jeff schon dort, so dass im Haus nur noch Ash und Pete unterwegs waren. Pete hatte es anscheinend nicht geschafft, Ash auch nur ansatzweise zu beruhigen – ganz im Gegenteil: von Daves Veranda aus konnten wir sehen, wie die beiden ihre Klamotten und Werkzeuge wild in Ashs Auto geworfen haben und schliesslich mit quietschenden Reifen in die Dunkelheit davonrasten. Wahrscheinlich hatten sie mitbekommen, dass niemand mehr im Haus war und wollten weg, bevor die Polizei einmarschiert.
Eine erste Bestandsaufnahme im Haus ergab, dass zwar einiges Geschirr und eine Schranktuer zu Bruch gegangen waren, aber da die Motorsaege anscheinend nicht anspringen wollte, hielt sich der Sachschaden in Grenzen. Etwas besorgniserregender war, dass Ash unseren Supervisor beinahe bis zur Besinnungslosigkeit gewuergt hat, als er ihn auf dem Sofa am Wickel hatte. Zum Glueck konnte Jeff sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Haus rueber zu David retten, der uns alle mit einer Armbrust verteidigt haette. Eigentlich ist uns erst da so richtig klar geworden, dass das alles ernst war und nicht nur eine kleine Dummheit von einem Betrunkenen.
Warum niemand die Polizei benachrichtig hat koennen wir immer noch nicht nachvollziehen. Ash war eine ernsthafte Gefahr fuer jeden, der ihm in die Quere geraten ist, und haette er die Motorsaege anbekommen waere es mit grosser Wahrscheinlichkeit noch anders ausgegangen. Ganz davon zu schweigen, dass Ash und Pete sturzbetrunken Auto gefahren sind. Unsere Hoffnung, dass sie an einem Baum enden, wurde allerdings nicht ganz erfuellt: zwei Tage spaeter haben wir gehoert, dass sie bis Alice Springs gekommen sind, wo sie nicht mehr weiterkonnten, da sie nur noch 20 Dollar in der Tasche hatten.
Aus den Fetzen vom Abend haben wir uns leicht zusammenreimen koennen, dass Pete und Ash in Mildura wohl im Drogengeschaeft taetig sind und das Pruning (Baumstutzen) moeglicher Weise zur Geldwaesche genutzt wird. Inwieweit die Geruechte stimmen, dass unser oberster Geldgeber beteiligt ist, wollen wir lieber nicht wissen. Jedenfalls waren Pete und Ash wohl nicht gerade begeistert, von ihrem angestammten Revier in Suedaustralien in das Kaff Katherine versetzt zu werden, da sie ihrer normalen Arbeit – oder ihrem Nebenjob – hier nicht nachgehen konnten. Ash war wohl zusaetzlich frustriert, dass hier niemand Angst vor ihm hatte, da ihn in Mildura wohl jeder fuerchten wuerde. Da hat dann der angebliche Zigarettendiebstahl (eigentlich war es immer Jeff, der fuer Nachschub gesorgt hat) ausgereicht, unseren Supervisor beinahe umzubringen.
Wir koennen von Glueck sagen, dass die ganze Sache fuer alle Beteiligten harmlos ausgegangen ist. Inzwischen sind ein paar Tage vergangen, und allmaehlich koennen wir auch schon Scherze darueber machen. In der ersten Nacht haben wir alle jedoch kaum geschlafen, weil wir Angst hatten, die beiden koennten zurueckkommen.